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Jugendsexualität zwischen Fakten und Fiktionen

01.03.10 | Der Gastbeitrag basiert auf dem Vortrag, den Prof. Dr. Gunter Schmidt auf der mekonet Fachtagung "Intimität im Netz – Sexual- und Medienpädagogik zwischen jugendlicher Selbstbestimmung und Gefährdung" am 9. Februar 2010 in Bonn gehalten hat.

Von Gunter Schmidt und Silja Matthiesen

In den letzten zehn Jahren sind in Deutschland (und nicht nur hier) vermutete oder tatsächliche Veränderungen der Jugendsexualität gleich drei Mal als Signale moralischer oder seelischer Gefährdung Jugendlicher in der Öffentlichkeit skandalisiert worden: Die Zunahme der Schwangerschaftsraten bei minderjährigen Frauen; die Nutzung sexuell expliziter pornographischer Materialien von Jugendlichen (vor allem von Jungen) durch den einfachen und jederzeit möglichen Zugang zu solchen Materialien im Internet; und die auf Einzelbeobachtungen  gegründete Behauptung einer allgemeinen und progredienten sexuellen Verwahrlosung Jugendlicher – in der die Pornographie eine prominente Rolle als Motor und Symptom der Verwahrlosung spielt.1

Die zyklisch auftretenden Diskussionen über jugendsexuelle Katastrophen spiegeln eher Phantasmen der Alten als reale Verhältnisse bei den Jungen wider. Die Abbildung zeigt ein solches Phantasma.

Abbildung 1. Der Onanist (1853)
Quelle: Comfort A. The anxiety makers. London, Nelson, 1967, S. 72

Ein sexuell Verwahrloster, ein Cyberzombie im Spätstadium, mag man denken. Nein, es ist ein Bild aus dem 19. Jahrhundert aus einer medizinischen Schrift und zeigt, wie Erwachsenen sich die Folgen der Onanie für junge Männer damals vorstellten. Die Angst vor den Folgen der Onanie ist der Urahn aller moralischer Paniken zur Jugendsexualität und überlebte mehr als 150 Jahren in leichten Variationen (Ende des 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts). Es waren damals vor allem Pädagogen und Ärzte, Konservative wie Fortschrittliche, die vor moralischer, seelischer und körperlicher Verwahrlosung durchs Masturbieren warnten und zu robusten Gegenmaßnahmen aufriefen (gerade zu sehen im Film „Das weiße Band“, in dem der Vater seinen in Verdacht geratenen pubertierenden Sohn jeden Abend, vor den Augen seiner jüngeren Geschwister, die Hände ans Bett fesselt, damit der schreckliche Zugriff unterbleibe). Es ist interessant, dass, wie heute in der Pornographiedebatte, eine solitäre, phantasienahe Form der Sexualität besonders gegeißelt wird. (Die Internetpornographie ist sehr viel stärker Zielscheibe der Panik als das Chatten in Flirt-, Dating- und Kontakträumen, das für die sexuelle Sozialisation Jugendlicher vermutlich eine viel größere Rolle spielt als die Pornographie). Forschung und Empirie können aus Katastrophismus rational begründete Besorgnis oder Gelassenheit machen, eine realistische Sicht auf ein Problem befördern. Die alte Masturbationspanik erledigte sich erst mit den Kinsey-Reporten, die belegten, wie allgegenwärtig die Masturbation ist, und dass die Masturbanten nicht aussahen wie im Lehrbuch (s.o.), sondern wie du und ich. Die heutigen moralischen Paniken sind kurzlebiger: Dass Entsetzen der Eltern in den 1970ern, dass ihre Söhne und Töchtern nicht nur vorehelich sondern auch noch schulpflichtig Sex hatten und verlangten, mit ihrem Liebsten oder ihrer Liebsten zu Hause zu übernachten; die Empörung vieler Mediziner in den frühen 1970ern darüber, dass minderjährige Frauen die Pille verlangten; die erwähnte Panik über die zunehmenden Jugendschwangerschaften vor einigen Jahren – sie alle kamen mit Pauken und Trompeten und verschwanden nach kurzer Zeit auf leisen Sohlen – akzeptiert als Erscheinung sozialen Wandels der Sexualität (Veränderungen jugendlichen Sexualverhaltens) oder ausgemacht als fiktional (Jugendschwangerschaften).

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