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dossier zur medienbildung

schülerVZ-Scouts – ein Peer-to-peer-Ansatz

04.05.10 | Der Umgang mit sozialen Online-Netzwerken ist ein Dauerbrenner in der Medienkompetenzförderung. Marco Fileccia und Tina Dietrich, der eine Lehrer, die andere Referendarin am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen, stellen hierfür einen Peer-to-peer-Ansatz vor; die "schülerVZ-Scouts".

von Marco Fileccia und Tina Dietrich

schülerVZ ist das tägliche gute Gefühl nicht alleine auf der Welt zu sein, viele Freunde zu haben und gesehen zu werden. Pädagogisch könnte man es den Wunsch nach Kommunikation, Peer-Group und Anerkennung nennen. Auch jüngere Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 und 6 tummeln sich in der beliebtesten deutschen Social Community mit über 5 Millionen Mitgliedern und das, obwohl das Mindestalter laut AGBs 12 Jahre beträgt. Doch, wen wundert es, es gibt keine Altersverifikation bei der Anmeldung und aus dem Geburtsjahr 1999 ist es nur ein Tastendruck entfernt nach 1998 und somit in den Kreis der vielen Freunde.

Doch schülerVZ will auch gelernt sein … Darf ich Fotos der Freundinnen online stellen? Ist es erlaubt, Nachrichten anderer weiterzuleiten? Wie gehe ich mit Mobbing in blöden Gruppen um? Welche persönlichen Daten sollten besser nicht veröffentlicht werden? Wie schütze ich meine Privatsphäre? Sind 100 Freunde auf meiner Liste in Ordnung? Wie gehe ich damit um, wenn ich Beleidigungen auf meiner Pinnwand finde? Darf ich das Foto meines Lieblingsschauspielers in das Fotoalbum stellen? Soll ich mein Passwort dem besten Freund weitergeben? Wie funktioniert eine Foto-Verlinkung und und und. Schön, so dachten wir am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen, wenn die "Digital Natives" (zu Deutsch etwa "Muttersprachler des Internet", die mit Onlinemedien aufgewachsen sind) "Digital Specialists" als Ansprechpartner hätten.

Die Präferenz, wen sie lieber fragen würden, war eindeutig: Ob sie sich lieber an einen Lehrer / an eine Lehrerin wenden würden, gäbe es ein Problem mit schülerVZ, beantworteten nur 15 mit JA und 71 mit NEIN. Und ob sie es gut fänden, könnten sie andere Schülerinnen / Schüler ansprechen, bejahten sogar 96 % der Befragten. Dies sind nur zwei Ergebnisse einer Umfrage in der 6. Klassenstufe mit über 90 Schülerinnen / Schülern des Elsa-Brändström-Gymnasiums in Oberhausen vom Februar 2010. Die Umfrage, die auch zu Tage brachte, dass etwa die Hälfte der Mitglieder im schülerVZ schon einmal Probleme hatte (s. Grafik), war der Auftakt für das Projekt „schüler-VZ-Scouts“, in dem Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 und 9 ausgebildet werden, um als Ansprechpartner für die jüngeren Schülerinnen / Schüler fungieren zu können.



Die Zahlen unserer Schule decken sich mit den Ergebnissen der JIM-Studie (unter Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf08/JIM08_51.pdf), bei der in einer kleineren Stichprobe bspw. fast 40 % angaben, dass Fotos / Videos ohne ihr Wissen eingestellt wurden. Es gibt also Probleme mit schülerVZ und mit diesen Problemen sollten alle, aber vor allem die Jüngeren nicht alleine gelassen werden.


Soweit die Diagnose. Die Therapie bestand in der Ausbildung von „SchülerVZ-Scouts“ und ihrer Implementierung in den Schulalltag. Zuerst fragten wir in den Klassen 8 und 9 nach, wer als „SchülerVZ-Scout“ tätig werden möchte und es meldeten sich 20 Schülerinnen / Schüler, davon einige, die bereits als Streitschlichter tätig sind und die entsprechende Ausbildung absolviert haben, was wir uns erhofft hatten. Viele der Kompetenzen im Konfliktmanagement werden mutmaßlich vor allem dort benötigt, wo es Probleme im schülerVZ unter Klassenkameradinnen / Klassenkameraden gibt.

In fünf Ausbildungs-Modulen an fünf Tagen wurden die Schülerinnen / Schüler geschult:

1. Ausbildungs-Modul: Was, wie und warum im schülerVZ?

(Funktionen in schülerVZ) In dem ersten Teil der Ausbildung ging es vor allem um die systematische Erarbeitung der Fragen: Was kann man im schülerVZ tun? Was ist warum so beliebt? Wie sieht Datenschutz aus? Wie stelle ich Privateinstellungen ein? Ist mein eigenes Profil o.k.? Wie kann ich Missbrauch melden?

Über die eigene, manchmal alltägliche, Nutzung der Social Community hinaus sollten die Schülerinnen und Schüler die Hintergründe der Faszination (z. B. der Kommunikationsmöglichkeiten, Möglichkeiten der Selbstdarstellung etc.) erarbeiten, aber auch für sich selbst die Frage beantworten, welche Daten bedenkenlos veröffentlicht werden können und welche besser nicht (Stellen Sie doch mal die Frage nach der Farbe der Unterwäsche und ob sie öffentlich gemacht werden darf / sollte / muss). Anhand ihres eigenen Profils sollten die Schülerinnen / Schüler überprüfen, welche „Privateinstellungen“ wie möglich sind und ob ihr eigenes Profil eigentlich in Ordnung ist. Außerdem wurde erarbeitet, wie die Meldefunktion funktioniert und welche Angaben dort vonnöten sind. Und … das kennen wir alle vorbildlich aus unserem Netz-Alltag … wir warfen einen wirklich genauen Blick in die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und gingen sie Punkt für Punkt durch, ebenso wie den Verhaltenskodex auf Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.schuelervz.net/l/rules.

2. Ausbildungs-Modul: Der schülerVZ-Tag

("schülerVZ macht Schule") Der zweite Tag war insofern etwas Besonderes, als dass uns drei Macher von schülerVZ aus der Abteilung „Media Education“ und dem Programm „schülerVZ macht Schule“ aus Anlass des Safer Internet Days 2010 besuchten und als Experten zur Verfügung standen. Die angehenden Scouts konnten alle Fragen loswerden und erhielten Antworten auf Fragen nach der Zahl der Mitglieder, die Anzahl der täglich hochgeladenen Fotos, der Anzahl der Meldungen und der Finanzierung von schülerVZ. Sie lernten, dass Nachrichten auch im schülerVZ dem Briefgeheimnis unterliegen und nicht weitergegeben werden dürfen, möchte man sich selbst nicht strafbar machen und dass schülerVZ eng mit der Polizei zusammenarbeitet. Nebenbei bemerkt: Sascha Neurohr, Jessika Rose und Johanna Müller von VZ-Netzwerke Ltd. aus Berlin luden am Nachmittag auch zu einer Info-Veranstaltung ein und stellten sich den kritischen Fragen unserer Eltern.

3. Ausbildungs-Modul: Wie kann ich helfen?

(Fallbeispiele und Übungen mit Rollenspielen) Am dritten der (übrigens am Nachmittag in der freien Zeit stattfindenden) Ausbildungstage stand die Frage „Was tun?“ auf dem Programm. Mithilfe von Fallbeispielen sollten die Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen und in Rollenspielen mögliche Reaktionen / Lösungen erarbeiten. Hier einige Beispiele:

Anton (11) ist wütend und stocksauer: „Meine Mama will nicht, dass ich mich bei schülerVZ anmelde, aber alle meine Kumpels sind schon drin“!

Brunhilde (13) hat tolle Fotos vom letzten Geburtstag auf dem Ponyhof: „Die möchte ich gerne alle in ein Foto-Album stecken“.

Cora (10) schimpft über ihren schülerVZ-Account: „Da sind gar nicht alle meine Freundinnen drin!“

Dustin (14) schreibt sein Passwort an die Tafel: „christianeichliebedich“. „Ist doch lang genug, oder?“ fragt er seine Klassenkameraden.

Erna (15) erhält seit über zwei Monaten ständig Nachrichten von einem Verehrer, sie ist davon schwer genervt.

Frieda (13) bereut es zutiefst, dass sie diese Sexy-Posen auf der Karnevalsfeier gemacht hat. Davon sind jetzt über 30 Fotos auf vielen verschiedenen Accounts im schülerVZ aufgetaucht, alle mit ihrem Namen verlinkt.

Gertrud (11) weiß nicht weiter. Im Plauderkasten kommt jeden Tag um 17 Uhr der gleiche Typ und beschimpft sie übel.

Wissen Sie die entsprechenden Hinweise? Anton darf sich erst mit 12 anmelden (steht in den AGBs), Brunhilde darf zwar die Fotos von Pferden veröffentlichen, bei Menschen muss sie nachfragen, alle und immer! Cora ist wie Anton zu jung (die Eltern dürfen einen Account von Minderjährigen übrigens löschen lassen). Dustin sollte sein süßes Passwort schnell wieder ändern und nicht mehr weitergeben, auch nicht an beste Freunde, schon gar nicht an die ganze Klasse. Um Erna muss man sich gut kümmern, sie sollte ihr Profil auf „privat“ stellen und / oder den Verehrer von der Freundesliste nehmen und hier hilft eine erste deutliche Ansprache an die Person, eine Meldung an schülerVZ, vielleicht sogar mehr. Frieda hat ein Problem, aber der Verlinkung muss sie leichtsinnigerweise zugestimmt haben. Es hilft die Fotos zu löschen und auf anderen Profilen zu melden. So ganz los wird sie sie wahrscheinlich nie mehr. Für Gertrud gilt das gleiche wie für Anton und für Erna, aber hier handelt es sich um Beleidigungen, die auch strafrechtlich interessant sein könnten. Zur Not könnte sie Anzeige bei der Polizei erstatten, am besten mit Screenshots als Beweis.

4. Ausbildungs-Modul: Wie schlichte ich Streit?

(Soziale Kompetenzen / Streitschlichtung) Streit zu schlichten ist nicht einfach. Die „Streitschlichter“ an den Schulen können das. Sie haben das nötige Werkzeug, die nötigen sozialen Kompetenzen dazu. Dieser Tag diente dazu, in einem Crash-Kurs die Erfahrungen und das Knowhow der Streitschlichter an alle anderen weiterzugeben.

5. Ausbildungs-Modul: Wie setzen wir es um?

(Konkrete Umsetzung im Schulalltag) Der aus unserer Sicht beste Ansatz zur Beteiligung von Schülerinnen und Schülern ist, sie auch vielfältig an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Logischerweise sollten die nun fertig ausgebildeten Scouts auch darüber nachdenken, wie das Projekt in den Schulalltag integriert werden kann. Dazu veranstalteten wir eine Zukunftswerkstatt, in der die Probleme / Schwierigkeiten, aber auch die Wünsche / Ideen mit der Realität abgeglichen wurden.

Doch nach der Ausbildung beginnt natürlich die eigentlich Arbeit:

In allen 6. Klassen, im nächsten Schuljahr in allen 5. und 6. Klassen, führten und führen die Scouts eine Informationsveranstaltung durch. Diese ist gegliedert in eine Problematisierung, eine Erarbeitung in Stationen und ein Rollenspiel zum Abschluss. Zu Beginn werden die jüngeren Schülerinnen / Schüler aufgefordert, ein Plakat mit persönlichen Daten zu erstellen, währenddessen die Scouts Fotos machen und ausdrucken. Mit diesen Plakaten geht die ganze Klasse vor das Schulgebäude mit der Aufforderung, sie dort aufzuhängen (s. Foto). Üblicherweise möchten dies die wenigsten und die schülerVZ-Scouts sind inmitten einer Diskussion über die Veröffentlichung von Daten und inwieweit schülerVZ wirklich ein geschlossener, geschützter, quasi-privater Bereich ist.

Zurück im Klassenzimmer (und auf dem Flur) besetzen die Experten fünf Stationen, an denen die 11- und 12-Jährigen folgendes lernen können:

Station 1: Welche Einstellungen kann ich im schülerVZ vornehmen (bspw. das Profil „privat“ zu stellen)
Station 2: Welche Allgemeinen Geschäftsbedingungen gelten im schülerVZ? (bspw. die Anmeldung ab 12, keine Fake-Profile)
Station 3: Was sind das Urheberrecht und das Recht am eigenen Bild? (bspw. darf ich Fotos von Freunden veröffentlichen?)
Station 4: Wie schütze ich meine Daten? Was sollte ich preisgeben, was nicht?
Station 5: Wie schütze ich mich vor Mobbing? Wie melde ich blöde Sachen?

Zum krönenden Abschluss führen die Scouts noch ein Rollenspiel durch, in dem ein Fall von Mobbing zwischen zwei Freundinnen nachgespielt wird. Die Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 5 und 6 schlüpfen dazu in die Rolle der Freundinnen, aber auch der Eltern.

Des Weiteren machen sich die Scouts in den Klassen bekannt und stehen in den Pausen als Ansprechpartner zur Verfügung. Wie das genau organisiert werden kann (über das Streitschlichterbüro o.ä.) muss noch geplant werden. Vielleicht gibt es auch eine Anfrage „on-demand“ per E-Mail oder Nachricht im schülerVZ (s.u.)

Die Scouts richten – in Absprache mit VZ Netzwerke – ein eigenes Profil auf schülerVZ ein, vielleicht ein „Edelprofil“, auf dem sich alle jüngeren Schülerinnen / Schüler als Freunde anmelden können und somit auch online und jederzeit Ratschläge / Hilfe erhalten können. Ein großes Problem hierbei ist der Datenschutz und das Briefgeheimnis, es kann also nur anonymisiert und allgemein öffentlich gemachte Probleme geben.

Eine große Hilfe zur inhaltlichen und unterrichtlichen Erarbeitung ist das Klicksafe-Handbuch  Öffnet externen Link in neuem Fenster„Social Communities – Ein Leben im Verzeichnis“, das auf www.klicksafe.de kostenlos zum Download steht.

Mehr zum Projekt findet sich auch Öffnet externen Link in neuem Fensterhier.

Autor(inn)en
Marco Fileccia ist als Lehrer am Elsa-Brandström-Gymnasium in Oberhausen tätig. Zuvor arbeitete er am Bert-Brecht-Gymnasium in Dortmund sowie beim Landesinstitut für Schule in Soest im Bereich Lehrerfortbildung. Daneben ist er u.a. als Moderator in der Lehrerfortbildung für Kooperatives Lernen im Programm „Schule der Zukunft“ des Schul- und Umweltministeriums NRW tätig. Seit Jahren führt er Elternabende und Informationsveranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer durch und engagiert sich in der Initiative Eltern+Medien der Landesanstalt für Medien NRW. Zahlreiche weitere Aktivitäten und Veröffentlichungen weisen ihn als Kenner pädagogischer Fragen rund um das Thema digitale Medien aus.

Tina Dietrich ist als Referendarin am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen tätig. Sie unterrichtet dort die Fächer Biologie und Deutsch. Studiert hat sie in Kassel. Fortbildungen zum Thema „Internet“, die Teilnahme am Streitschlichterprojekt, Begeisterung und Spaß am Projekt machen sie zu einer guten Ansprechpartnerin.

Kontakt

Marco Fileccia / Tina Dietrich
Elsa-Brandström-Gymnasium
Christian-Steger-Straße 11
46045 Oberhausen

Fon: +49-(0)208 - 85 789 - 0
Fax. +49-(0)208 - 85 789 - 11
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